Poesie und Prosa

(In memoriam:) Der Baum

Diesen Text habe ich mit 12 Jahren geschrieben. 
Er wurde u.a. bei der Beerdigung meiner Oma gelesen.

Alter Baum im Park

Der Baum

Herr, sieh’ diesen Baum!

Er ist alt. Traurig und allein steht er auf dem Feld.

Er ist morsch. Aber dennoch wirkt er stark mit seinen knorrigen Armen.

Der Mann will den Baum umsägen. Er braucht Brennholz.

Gerade will er seine Säge starten. Aber dann sieht er sich den Baum genauer an.

Er sieht die Rille, die der Blitz in ihm hinterlassen hat.

Er sieht die abgebrochenen Äste, die am Boden liegen.

Er sieht die traurigen Überreste eines nicht fertig gestellten Baumhauses.

Sie erzählen von vergangenen, schönen Zeiten, als noch die Kinder in ihm gespielt haben.

Er sieht die Löcher und die Verletzungen, die er hat.

Er sieht die wenigen Blätter, die der Baum noch hervorbringt.

Wie oft sind sie vom Wind verschüttelt worden.

Er sieht das schön gebaute Vogelnest, das in den Ästen versteckt ist.

Er sieht die jungen Vögel, die hungrig ihre Schnäbel aufsperren.

Er sieht die Schnecke, die mühsam den Stamm hinauf kriecht.

Er sieht den Specht, der leise in das Holz klopft.

Er sieht den Schmetterling, der sich auf einem Ast ausruht.

Er sieht den Vogel, der eine Raupe im Schnabel trägt.

Er sieht das Moos, mit dem seine Wurzeln bewachsen sind.

Es ist nicht mehr viel Leben in dem Baum.

Aber er gibt immer noch Leben, Tag für Tag.

Der alte Baum kann viele Geschichten erzählen:

Von früher, von guten und auch von schlechten Zeiten.

Der Mann bleibt lange in Gedanken versunken stehen.

Dann nimmt er die Säge und geht nach Hause.

Er blickt nochmals zu dem Baum zurück.

Und plötzlich scheint es ihm, als ob der alte Baum lächelt.

Ein schwaches, mattes Lächeln. Aber er lächelt.

Herr, ich danke Dir für diesen Baum.

Danke, dass er da ist.

Danke, dass er Leben gibt für andere.

Lass ihn noch länger leben! Lass ihn uns zum Vorbild werden

und zum Zeichen für wahre Stärke und Kraft.

Ich werde mich bemühen, ihn zu schützen und zu erhalten.

Dieser Baum war wie du, Oma. Jetzt ist er tot.

Aber der Geschmack seiner Früchte wird für immer in meinem Mund bleiben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s