Kiran

 

Lass mich erzählen…

KIRAN blossom

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Kiran

Die Enthüllung einer Seele

 

  • Leseprobe -

 

 

von

Kirancilla

 

Vorspiel: Das Heim und der Traum

  1. Das Haus
  2. Die Apfelkuchenbäckerin
  3. Oma
  4. Die Geschwister
  5. Lernen zu leben
  6. Verklebter Mund
  7. Gewürze
  8. Das Entlein
  9. Erwacht mit einem Kuss
  10. Der Ekel
  11. Ein Traum von Freiheit
  12. Perfekt
  13. In die Tiefe
  14. Immer wieder neu geboren
  15. Ein langer Weg
  16. Der Sandfarbene
  17. Verführungen

Zwischenspiel: Eine Jesusbegegnung der anderen Art

  1. Ein Sommertraum
  2. Der Horizont
  3. Fliegen
  4. Wissen und Weise
  5. Noch ein Sommer
  6. Alles gegeben
  7. Zweifel
  8. Nach Hause

Nachspiel: Wie eine weiche Decke

 

 

 

  1. Oma

 

 

 

 

 

 

 

„Die Jugend ernährt sich von Träumen, das Alter von Erinnerung.“

 

(jüdisches Sprichwort)

 

 

 

 

 

„Das Leben wird gegen Abend, wie die Träume gegen Morgen, immer klarer.“

 

(Karl Julius Weber)

 

 

 

 

 

„Du bist einfach DU“

 

(Sanela Mulalic)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Mensch, der Kiran in jungen Jahren am meisten prägte, war mit Sicherheit Ihre Großmutter. Die „Oma“ lebte im oberen Stockwerk ihres Hauses und war so jederzeit erreichbar. Und oft flüchtete sich Kiran zu ihr, wenn Sie das Leben unten einfach nicht mehr aushielt. Oma war immer da, gutmütig und großzügig, und sie konnte gut zuhören. Am Ende gab es eine kleine Nascherei, und die Welt war wieder in Ordnung.

 

Kiran verbrachte viel Zeit bei Oma. Sie sah ihr beim Kochen zu; sah fern auf dem kleinen Schwarzweißfernseher; streichelte die alte Katze, die bald eingeschläfert werden würde; spielte und las Bücher, die Oma ihrer kleinen Leseratte regelmäßig zum Geburtstag oder zu Weihnachten schenkte. Oma war immer für Sie da, und ihre Wohnung war ein Reich des Friedens.

 

Kiran liebte Ihre Oma, und Oma liebte Sie. Die beiden führten oft lange Gespräche. Doch speziell an eines sollte sich Kiran immer erinnern.

 

 

 

Die Nachfolge

 

Die Gespräche mit Oma verliefen immer anders: Manchmal verstanden wir uns, manchmal nicht. Ich warf ihr so einiges vor. Und sie mir. In vielen Punkten ließ sie nicht mit sich reden, beharrte sie auf ihrem Standpunkt, bis mir schlecht wurde. Und dann wieder gab sie mir so grenzenlos Recht, dass ich nicht anders konnte als Herzen an die Wand zu malen, mit unseren beiden Namen darin.

 

An ein Gespräch mit ihr erinnere ich mich aber ganz besonders, weil ich ihr so stark widersprach, bis sie mich zwingen musste, das zu tun, was sie wollte. Wieder einmal ging es um Geschlechtlichkeit (ich wuchs heran und begann mir darüber meine Gedanken zu machen). Oma bestand auf der jungfräulichen Hochzeit. Ich war dagegen. Wir warfen uns Worte hin und her, und hätten wohl ewig so weitergemacht (denn ich liebte dieses Spiel), hätte Oma nicht in ihrer uralten Weisheit ein Machtwort gesprochen.

 

„Erinnerst du dich an den Schrank?”

 

  • Welchen Schrank denn, Oma? fragte ich – Schränke gab es schließlich viele in unserem Haus, einer hässlicher als der andere, und altmodisch bis zum gehtnichtmehr.

 

„Der jetzt beim Tischler ist.”

 

  • Ja, sicher, Oma, sagte ich – den kannte ich, denn der Ärger war großteils meinetwegen; wir hatten ihn nämlich von oben bis unten mit Stickern beklebt und mit Filzstift bemalt, bis kaum noch ein Stück Holz darauf übrig blieb.

 

„Du sollst ihn bekommen.”

 

  • Ääääh… machte ich nur, denn ich war sprachlos. Das war nun wieder typisch Oma. Ich machte etwas falsch, und sie ließ es gelten.

 

„Aber pass darauf auf.”

 

  • Ja, sicher, Oma… meinte ich verwirrt. Was sollte ich denn sonst tun? Etwa nochmals drauf herummalen?

 

„Und jetzt sag ich dir was. Ich schenke ihn dir, weil du meine Enkelin bist; und du schenkst ihn dann wieder deinem Enkelkind.”

 

  • Oma! schrie ich. Ich weiß doch gar nicht, ob ich Enkelkinder haben werde. Ich weiß doch gar nicht, ob ich überhaupt Kinder haben werde!

 

„Natürlich wirst du Kinder haben! Und darunter ein Mädchen! Zumindest eines!”

 

  • Ich war geschockt. Ich konnte sie nur ansehen. So aufbrausend hatte ich Oma noch nie erlebt. So fordernd. Immer war sie gütig gewesen; so gebend. Und jetzt das. Aber ich konnte sie verstehen. Ja, ich verstand sie, irgendwie. Ich hatte ihr offenen Widerstand geleistet. Das war unklug. Oma war schon alt und auf ihre Nachfolge bedacht. Ich war die älteste Tochter ihres Sohnes – das verpflichtet. Ein Nein akzeptierte sie nicht. Wie konnte ich es wagen? Ihr Vermächtnis abzulehnen! Doch in einem letzten verzweifelten Versuch unternahm ich einen müden Fechthieb:

 

„Was soll das heißen, nein? Du bist eine Frau!”

 

  • Ich bin ein Kind.

 

„Aber bald wirst du eine Frau sein, und du wirst eine Tochter haben.”

 

Punkt. Ich musste es nicht sagen, aber es stand fest. Ich wusste, das Gespräch war beendet. Leise schlich ich mich aus dem Raum, und ließ sie schlafen.

 

———

 

Oma bedeutete Kiran sehr viel. Ein umso größerer Schock war es für Kiran, als sie plötzlich starb, im stolzen Alter von 91 Jahren. Es war einer dieser Tage, an denen die dreizehnjährige Kiran den Nachmittag bei Oma verbracht hatte. Es war etwa fünf Uhr abends, und Oma saß im Wohnzimmer bei einem einfachen Abendessen mit Brot und Wurst. Kiran war in der Küche und machte Tee. Da wurde Sie nach unten zum Abendessen gerufen. Sie wollte gerade in Ihr Brot beißen, da fiel Ihr der Tee ein. Sie lief nach oben, holte das kochende Wasser vom Herd, gab die Teebeutel hinein und wartete, dass der Tee durchzog. Endlich, nach langen Minuten des Wartens, goss Sie den Tee in die Kanne und ging ins Wohnzimmer.

 

Und bekam den Schock Ihres Lebens. Oma lag am Boden, mit offenem Mund und Blut am Kinn. Sie hatte sich wohl am Fensterbrett gestoßen, denn das lag genau in der Linie. Doch warum wollte sie so schnell zum Fenster, und warum, warum, warum lag sie jetzt am Boden? Kiran erinnerte sich schnell an Ihren Erste-Hilfe-Kurs: Bewusstsein überprüfen.

Oma gab keinen Ton von sich. Atmete einfach nicht mehr. Kiran durchfuhr es siedend heiß. Was sollte Sie jetzt tun? Stabile Seitenlage. Sie drehte Oma herum. Dann wusste Sie nicht mehr, was Sie tun sollte. Oma atmete einfach nicht mehr, die früher sprühenden Augen plötzlich leblos. Kiran erschrak. Blitzschnell lief Sie auf den Flur, flog die Treppe hinunter, so schnell Sie konnte, rannte in die Küche, und schrie: „Papa, Papa! Komm schnell, die Oma liegt auf dem Boden! Komm schnell!“

 

Papa konnte nichts mehr tun. Das Rettungsteam, das einige Minuten später eintraf, konnte nur noch den Tod feststellen. Lungenembolie. Ein Blutklümpchen, das versehentlich in die Lunge geraten war und zum Ersticken geführt hatte. Kiran glaubte, es sei allein Ihre Schuld. Sie hatte sich in letzter Zeit so jugendlich-grässlich aufgeführt, hatte keine Geduld mehr gehabt mit Ihrer senil werdenden alten Oma. Wenn Sie nur früher nachgeschaut hätte… wenn Sie nicht wie blöde in der Küche gewartet hätte… vielleicht hätte Sie ihr noch helfen können… Es war Ihre Schuld… wenn Sie nur ein bisschen schneller gerannt wäre… wenn Sie nur ein bisschen schneller gewesen wäre… dann würde Oma noch leben.

 

Alle versicherten Kiran, dass es nicht Ihre Schuld war, dass keiner Ihrer Oma hätte helfen können, selbst wenn er daneben gestanden hätte. Sie wäre vor seinen Augen erstickt, und niemand hätte ihr helfen können. Doch Kiran glaubte ihnen nicht, auch nicht dem Pfarrer bei der Totenwache, der die schluchzende Kiran in den Arm nahm und trösten wollte. Kiran ließ sich nicht trösten. Es war Ihre Schuld. Ganz bestimmt war es Ihre Schuld. Nie wieder, nie wieder könnte Sie sich bei Oma entschuldigen. Entschuldigen dafür, dass Sie zu spät gekommen war. Entschuldigen dafür, wie hässlich Sie sich ihr gegenüber benommen hatte. Entschuldigen dafür, dass Sie nicht die Rettung gerufen hatte, als Oma vor ein paar Wochen hingefallen war und sich den Arm gebrochen hatte; immer noch trug sie den Gips. Nie wieder könnte Kiran Oma sagen, wie sehr Sie sie liebte. Nie wieder. Jetzt war Oma tot, unwiderruflich tot. Und es gab keine Gelegenheit mehr… und es war Kirans Schuld. Niemand konnte Sie trösten.

 

Doch zumindest wollte Sie sich verabschieden. Sie stand am Totenbett und betrachtete Oma. Ihr Ausdruck war sanft, friedvoll. Und Kiran erinnerte sich an etwas. An Ihren Text, den Sie etwa ein Jahr zuvor geschrieben hatte, das Gedicht vom Baum. Der Baum war eine Allegorie für Stärke, dieselbe Stärke, die Oma immer gezeigt hatte, selbst in den letzten Tagen, da sie sich an nichts mehr erinnern konnte, da langsam die Demenz ihr Gedächtnis zerstörte.

 

Kiran holte den Text hervor und schrieb drei Zeilen dazu. Dann legte Sie den Text auf das Totenbett. Und alle, die ihn lasen, waren gerührt. Alle fanden, es gab keine schönere Art, sich von einem geliebten Menschen zu verabschieden. Alle staunten über Kirans Gabe, mit Worten so viel Gefühl auszudrücken. So jung und so begabt.

 

Kiran las den Text bei der Totenmesse. Und alle, ausnahmslos alle, weinten.

 

 

 

 

 

Der Baum

 

 

Herr, sieh’ diesen Baum!

Er ist alt. Traurig und allein steht er auf dem Feld.

Er ist morsch. Aber dennoch wirkt er stark mit seinen knorrigen Armen.

 

Der Mann will den Baum umsägen. Er braucht Brennholz.

Gerade will er seine Säge starten. Aber dann sieht er sich den Baum genauer an.

Er sieht die Rille, die der Blitz in ihm hinterlassen hat.

Er sieht die abgebrochenen Äste, die am Boden liegen.

Er sieht die traurigen Überreste eines nicht fertig gestellten Baumhauses.

Sie erzählen von vergangenen, schönen Zeiten, als noch die Kinder in ihm gespielt haben.

Er sieht die Löcher und die Verletzungen, die er hat.

Er sieht die wenigen Blätter, die der Baum noch hervorbringt.

Wie oft sind sie vom Wind verschüttelt worden.

Er sieht das schön gebaute Vogelnest, das in den Ästen versteckt ist.

Er sieht die jungen Vögel, die hungrig ihre Schnäbel aufsperren.

Er sieht die Schnecke, die mühsam den Stamm hinauf kriecht.

Er sieht den Specht, der leise in das Holz klopft.

Er sieht den Schmetterling, der sich auf einem Ast ausruht.

Er sieht den Vogel, der eine Raupe im Schnabel trägt.

Er sieht das Moos, mit dem seine Wurzeln bewachsen sind.

 

Es ist nicht mehr viel Leben in dem Baum.

Aber er gibt immer noch Leben, Tag für Tag.

 

Der alte Baum kann viele Geschichten erzählen:

Von früher, von guten und auch von schlechten Zeiten.

 

Der Mann bleibt lange in Gedanken versunken stehen.

Dann nimmt er die Säge und geht nach Hause.

Er blickt nochmals zu dem Baum zurück.

Und plötzlich scheint es ihm, als ob der alte Baum lächelt.

Ein schwaches, mattes Lächeln. Aber er lächelt.

 

Herr, ich danke Dir für diesen Baum.

Danke, dass er da ist.

Danke, dass er Leben gibt für andere.

Lass ihn noch länger leben! Lass ihn uns zum Vorbild werden

und zum Zeichen für wahre Stärke und Kraft.

 

Ich werde mich bemühen, ihn zu schützen und zu erhalten.

 

 

Dieser Baum war wie du, Oma. Jetzt ist er tot. Aber der Geschmack seiner Früchte wird für immer in meinem Mund bleiben.

 

——–

 

Sie sollte sich immer an Ihre Großmutter erinnern.

 

——–

 

 

 

Omas Vermächtnis ist wie destillierte Zeit; ein Wissen, das nicht in Unwissenheit geraten darf. Ihre Erinnerung muss weiter bestehen – in mir, und in denen, die mir nachkommen.

 

 

Der Schrank

 

Meine Oma schenkte mir

einen Schrank, der einst ihr gehörte

dann in unserem Kinderzimmer stand

und den wir besudelten mit unseren

kindlichen Malereien.

Sie schickte ihn zum Tischler

ließ ihn schmirgeln

und meinen Namen eingravieren.

Dann bat sie mich zu ihr

um ihn mir zu überreichen.

 

Sie sagte: “Verkaufe ihn nie.

Dieser Schrank ist so alt,

sieh, er hat Löcher vom Wurm.

Er ist viel wert

und wird im Laufe der Zeit

noch an Wert zulegen.

Deshalb verkaufe ihn nie.

Gebe ihn weiter

an deine Kinder,

deine Enkel

und diese an die Ihrigen.”

 

 

 

 

 

 

Der Schrank war erst leer

doch bald füllte er sich:

mit Spielzeug

Schulbüchern

und anderen Büchern

Kleidern

Krimskrams

und vielen anderen Dingen

die das Leben ausmachen.

 

Viele Jahre später

kehrte ich in mein Elternhaus zurück

und fand den Schrank

gefüllt mit Gerümpel… und voller Spinnweben…

 

 

Ich holte alles heraus

und putzte ihn sehr gründlich

Dann räumte ich wieder ein

was mir wichtig erschien

und gab auch noch

vieles Andere dazu.

Bücher

Fotos

kleine Schätze.

Ich öffne ihn gern

krame Altes heraus

gebe etwas Neues hinein

und fahre mit dem Finger

über das Holz und die Gravur.

Heute ist dieser Schrank

den meine Oma mir schenkte

voll mit meinen Erinnerungen;

und der Erinnerung an sie.

 

 

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